Dossier · Geschichte des Tabakanbaus in der Schweiz

Kapitel III · 9 min Lesezeit

Exkurse: Thurgau und St. Galler Rheintal

Zwei regionale Mikrohistorien aus den Staatsarchiven - der Chinesische Baumkanaster in Oberaach 1826 und die ETH-Versuchsfelder in Werdenberg 1940.

Exkurs I: Tabakanbau im Kanton Thurgau

Das Rauchen von Tabak war auch auf dem Gebiet des Kantons Thurgau verbreitet und wurde von der weltlichen, insbesondere aber auch von der geistlichen Obrigkeit als verwerflich erachtet - was die Geistlichkeit selbst wiederum nicht davon abhielt, dem Tabakgenuss zu frönen. So ermahnte 1683 der Bischof von Konstanz, Franz Johann, in einem Mandat die Chorherren der Kollegiatskirche St. Pelagii in Bischofszell, das Rauchen zu unterlassen und «sich vom Tabaktrinken und vom ausschweifenden Kartenspiel oder Würfelspiel und vom Rausch und Trunkenheit» zu enthalten.35

Rudolph Bopp und der Chinesische Baumkanaster

Erste Versuche mit dem Anbau von Tabak lassen sich im Kanton Thurgau auf das Jahr 1825/26 datieren. Aus den Akten und der Korrespondenz der 1821 gegründeten Thurgauischen Gemeinnützigen Gesellschaft wird ersichtlich, dass der Gutsverwalter von Schloss Eppishausen bei Erlen, Rudolph Bopp, grosses Interesse am Tabakanbau hatte.36 Im Frühjahr 1825 übergab Bopp verschiedenen Personen in der Region Erlen Samen und Setzlinge einer Tabaksorte namens «Chinesischer Baumkanaster» sowie eine detaillierte Anleitung.

Wie der Brief eines Amtmann Häberlin aus Oberaach an Bopp vom 1. Februar 1826 illustriert, waren diese Anbauversuche von Erfolg gekrönt:

Die mir von Bopp im vorigen Frühjahr gegebenen Baumkanastersetzlinge sind mir sehr wohl gerathen [...]. Bereits durch diese unvollkommene Probe ist es gelungen, einen guten Rauchtabak herzustellen [...], der so gut als man in irgend einem Laden finden wird.37

Ähnlich begeistert zeigte sich Joachim Rapp in seinem Brief vom 6. März 1826: Die «Tabaks Bläter [seien] ueber Erwarten für Zegaren zu verfertigen fürtreflich gut ausgefallen» und würden «die vierginischen Bläter noch weit übertrefen».38 Auch der Arzt C. Knabenhans aus Erlen sah im Tabakanbau «einen Neuen Erwerbszweig in der Landwirthschaft von Bedeutung».39

Der Kleine Rat des Kantons Thurgau leitete Bopps Abhandlung am 14. März 1826 «zu angemessener Würdigung» an den Präsidenten der Gemeinnützigen Gesellschaft, Jakob Christoph Scherb, weiter.40 Die Gesellschaft verstand sich als Think Tank, der im durch jahrelange Okkupation und Missernten bankrotten Thurgau die öffentliche Wohlfahrt heben sollte.41

Die Zahlen 1880-2014

Wie Haas für 1880 und Kradolfer für 1883 zeigen, wurde im Kanton Thurgau auf rund 7 ha Tabak angebaut.42 Diese geringe Fläche ging durch die Einfuhrsteigerung an Importtabak nach dem Ersten Weltkrieg auf nur noch 1,1 Aren (1917) bzw. 2,03 Aren (1919) zurück.43

Erst im Zweiten Weltkrieg besserte sich die Lage: die Thurgauer Anbaufläche wuchs von 10 ha (1942) auf rund 70 ha (1946).44 Die Anbaugebiete im Thurtal zwischen Weinfelden und Flaach erweiterten sich bis 1954 auf 95 ha, und noch in den 1960er Jahren wurden in Bussnang und Märstetten neue Pflanzungen gegründet.45 Die Abschaffung der Tabakimportzölle und der Subventionen forderte jedoch auch im Thurgau ab den 1990ern ihren Tribut.46 1999 betrug die Gesamtanbaufläche 22,9 ha; 2009, ein Jahr nach dem Passivrauchschutzgesetz, fiel sie auf 943 Aren - ein anhaltender Trend bis zu 983 Aren im Jahr 2014.47

Exkurs II: Tabakanbau im St. Galler Rheintal

Laut der von Johann Rudolf Steinmüller 1804 verfassten Beschreibung der Schweizerischen Alpen- und Landwirtschaft wurden im St. Galler Rheintal 1800 erste Versuche mit dem Anbau von Tabak unternommen. In den klimatisch milden Lagen im Bezirk Werdenberg kam es ab diesem Zeitpunkt zu wiederholten Anbauversuchen.

Laut Berichten der Landwirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons St. Gallen 1864 missglückten diese jedoch aufgrund der Qualität des Saatgutes und mangelnder Sorgfalt. Anstelle eines grossflächigen Anbaus erfolgte in den Bezirken Werdenberg und Sarganserland ein Anbau in privaten Gärten für den Eigenkonsum. 1871 kam es zum totalen Zusammenbruch des Tabakanbaus im Bezirk Werdenberg, als ein Unwetter die einzige grössere Plantage zerstörte. Aufgrund der geringen Nachfrage wurde diese nicht wieder bepflanzt.48 1880 wurde im Kanton St. Gallen gesamthaft nur 36 Aren Land mit Tabak bepflanzt.49

Die ETH-Versuche und der Grossanbau im Zweiten Weltkrieg

Nach diesem Zeitpunkt lassen sich für die Bezirke im St. Galler Rheintal bis 1918 keine Angaben finden. Im Bezirk Werdenberg taucht der Tabak erst in der Statistik von 1919 und dann wieder für 1939 auf - in beiden Jahren mit lediglich einer Are.50 Bereits in der Mitte der 1930er Jahre hatten Organe der landwirtschaftlichen Abteilung der ETH Zürich verschiedene Versuche mit dem Tabakanbau durchgeführt, die ab 1940 - verstärkt durch die angestrebte wirtschaftliche Autarkie der Schweiz infolge des Zweiten Weltkriegs - zum Grossanbau auf dem Gebiet von Werdenberg führten.51

Die Anbaufläche umfasste mit 404 Aren die grösste zusammenhängende Anbaufläche der Schweiz. Der angebaute Tabak diente jedoch nicht nur als Genussmittel, sondern lieferte mit den Samen auch ein Mittel zur Ölgewinnung. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben einige dieser Tabakfelder in Werdenberg noch bis in die 1950er Jahre bestehen. Danach wurde der Anbau aufgrund seiner Unrentabilität wegen des grossen Arbeitsaufwandes sowie der erdrückenden Konkurrenz eingestellt.52

Fussnoten

  1. «A tabaci potu et excessivo chartarum vel alearum lusu nec a crapula et ebrietate abstineant.» Der Bischof von Konstanz erlässt aufgrund eines Berichts seiner verordneten Visitatoren in Bischofszell Vorschriften betreffend die Amtsführung und die Lebensweise der Chorherren, Dokument vom 5. März 1683 (StATG 7'30, 22.31/1, 7).
  2. Vgl. Akten und Korrespondenz betr. den Tabakanbau 1826 (StATG 8'903'24, 3/203).
  3. Brief von Amtmann Häberlin an Rudolph Bopp, 1. Februar 1826 (StATG 8'903'24, 3/203).
  4. Brief von Joachim Rapp an Rudolph Bopp, 6. März 1826 (StATG 8'903'24, 3/203).
  5. Brief von C. Knabenhans an Rudolph Bopp, 6. März 1826 (StATG 8'903'24, 3/203).
  6. Schreiben des Kleinen Rates des Kantons Thurgau an Jakob Christoph Scherb, 14. März 1826 (StATG 8'903'24, 3/203).
  7. Vgl. Archivkatalog Staatsarchiv Thurgau online, Thurgauische Gemeinnützige Gesellschaft (1821-1950).
  8. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 62; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4.
  9. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 153.
  10. Vgl. Graphik der Entwicklung des Anbaues von Tabak, Mohn und Raps 1940-1946 (StATG 9'16, 7.0.1/205, 15).
  11. Vgl. St. Galler Tagblatt, 29. Juli 2011.
  12. Vgl. Zeller, Tabakindustrie, S. 1 (SOZARCH VHTL 04B-0052); Pignat, Tabac, S. 36; HLS online, Tabak.
  13. Dienststelle für Statistik TG online, Flächennutzung der landwirtschaftlichen Nutzfläche (Aren), Kanton Thurgau, 1999-2014.
  14. Vgl. Suenderhauf, Hanf, S. 222.
  15. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 62.
  16. Vgl. Suenderhauf, Hanf, S. 222.
  17. Vgl. Decurtins, Volkswirtschaft, S. 142.
  18. Vgl. Suenderhauf, Hanf, S. 222-223.