Dossier · Geschichte des Tabakanbaus in der Schweiz

Kapitel II · 14 min Lesezeit

Der Tabakanbau in der Schweiz ab dem 17. Jahrhundert

Verbote, Konkordate, ökonomische Wende. Wie aus dem geächteten Kraut eine Schweizer Erfolgsgeschichte wurde - heute getragen vom Tabakfonds SOTA, garantierten Abnahmepreisen und rund 700 Tonnen Premium-Ernte pro Jahr.

Verbote und Strafen im 17. Jahrhundert

Bevor der Tabakanbau und die Fabrikation jedoch richtig beginnen konnten, kam es in vielen Kantonen und Städten der Schweiz aufgrund des von Seiten der weltlichen Behörden und der kirchlichen Obrigkeit kritisierten ausufernden Tabakkonsums der Bevölkerung zu einem Verbot des Genusses und des Anbaus von Tabak.11 Das «Tabaktrinken» oder das Ermöglichen desselben wurde in allen Kantonen u. a. wegen der Brandgefahr, dem Sittenzerfall oder der Tatsache, dass durch den Handel mit Tabak unnötig viel Geld die Orte verliess, verurteilt und unter Strafe gestellt.12

Zwar wurde in der Schweiz meist von solch martialischen Strafen wie Auspeitschen, Aufschlitzen der Nasenflügel oder dem Abschneiden der Lippen, wie sie unter Zar Michail I. in Russland für Raucher übliche waren, abgesehen. Das Strafmass konnte in der Schweiz dennoch von Geldstrafen wie in Basel, über zusätzlichen Pranger und Gefängnisstrafen wie in Bern bis hin zu Stadt- bzw. Landesverweis, Schlägen oder gar Brandmarkung bei Wiederholungstätern wie in Zürich reichen.13

Basel: doppelgleisige Strategie

In Basel setzten die Behörden bereits 1643 ein Zeichen gegen den Konsum von Tabak, indem sie dem lothringischen Tabakmacher Mongin Piergot das Bürgerrecht mit der Begründung verweigerten, dieses Handwerk in Basel nicht zu brauchen. Der Tabakgebrauch verbreitete sich in Basel-Stadt und Baselland jedoch so stark, dass die Stadtbehörden sich genötigt sahen, zwischen 1650 und 1672 verschiedene Erlasse und Verbote auszusprechen - bis hin zu einem generellen Rauchverbot innerhalb der Stadtmauern.

Ab 1677 setzten die Behörden die Rauchverbote zunehmend ausser Kraft, da man den enormen wirtschaftlichen und fiskalischen Nutzen des Tabakanbaus erkannt hatte. Basel hatte jedoch schon ab 1670 eine doppelgleisige Strategie gefahren und sich an der eidgenössischen Tagsatzung für eine Tabakfabrikation eingesetzt - mit dem Argument, dass die im eigenen Gebiet hergestellten Waren meist im Ausland verkauft würden.14 Die Tagsatzung sprach Basel daraufhin auch den Handel in der Stadt sowie den Transit von Tabak durch die Schweiz zu.15

Nach 1677 kam es im Baselbiet zunehmend zu Versuchen im Tabakanbau. Ab 1682 wurden in Kleinhüningen, Sissach und Witispurg Tabak in grösserem Stil angepflanzt - der Anbau jedoch bereits 1685 wieder verboten, da die Einnahmen von den Einfuhrzöllen auf ausländischen Tabak einträglicher waren als der Anbau des einheimischen Tabaks.16 Das Hauptinteresse der Basler Regierung lag bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Fabrikation und dem Handel von Pfeifen- und Schnupftabak.17

Bern und die Geburt der Broye-Region

Die Berner Regierung ging in ihrem Herrschaftsgebiet lange rigoros gegen das Rauchen vor und verbot es bereits 1659. Sie sollte ihre restriktive Politik erst 1719 aufgeben, als klar war, dass einer Verbreitung des Rauchens nicht mehr beizukommen war. Bern regte 1670 bei der Tagsatzung die Einführung eines eidgenössischen Rauchverbotes an und war federführend beim Konkordatsschluss mit den Ständen Zürich, Luzern, Unterwalden, Freiburg und Solothurn.18

Diese Bemühungen scheiterten aber nicht zuletzt an der Handelspolitik von Basel, die dem Tabakschmuggel Vorschub leistete. Um sich gegen den Abfluss von Geldern für Tabak an andere Länder zu wehren, wurde in Bern schliesslich beschlossen, den Tabakanbau gezielt zu forcieren und Saatgut und Anbauanleitungen an sämtliche Ämter zu versenden. Daraufhin entwickelte sich in der Waadt - vorwiegend in den Bezirken Payerne, Avenches und Moudon - ein reger Tabakanbau. Nachdem auch Freiburg seine Politik geändert hatte, fasste der Anbau auch im freiburgischen Broyegebiet und im Seebezirk Fuss.19

Wie eine Erhebung des eidgenössischen Landwirtschaftsdepartements aus dem Jahre 1883 zeigt, gehörten die Kantone Waadt mit 532,5 ha und Freiburg mit 332 ha Anbaufläche zu den grössten und bedeutendsten Tabakanbaugebieten in der Schweiz.20

Das Tessin als drittes Zentrum

Durch die Entwicklungen in Bern und Basel, den allmählichen Fall sämtlicher Tabakverbote und den wirtschaftlichen Anreiz verbreitete sich der Tabakanbau im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts auch in andere Regionen. 1879 bekam der Tabakanbau durch die eidgenössische Erhöhung der Einfuhrzölle auf Rohtabak aus dem Ausland zusätzlich Ansporn.21 Das drittgrösste Anbaugebiet bildete neben Waadt und Freiburg das Tessin mit rund 85 Hektaren Anbaufläche.22

Aufgrund des für den Tabakanbau günstigen milden Klimas zählten vor allem Gemeinden wie Mendrisio, Lugano und Locarno zu wichtigen Zentren des Tabakanbaus ab dem 18. Jahrhundert.23 Eine eindeutige Datierung der Einführung des Tabakanbaus im Tessin ist nicht möglich.24 Anfangs des 20. Jahrhunderts begann der Tabakanbau im Tessin stark zurückzugehen - Veränderungen der Witterung, mangelnde Schulung und günstigere Preise für amerikanische Tabake liessen die Fläche nach dem Ersten Weltkrieg auf rund 860 Aren zurückgehen.25

Vom Boom zum Einbruch (1880-1910)

Die Gesamtfläche des in der Schweiz angebauten Tabaks umfasste 1880 rund 1330,15 ha und brachte einen Gesamtertrag von rund 178,35 t. Bereits 1883 verringerten sich die Fläche auf rund 942,2 ha und der Ertrag auf 135,9 t.27

Trotz der Einfuhrzölle stieg die Einfuhr ausländischer Tabake aufgrund starker Preisschwankungen des Inlandtabaks, der höheren Qualität der überseeischen Tabake sowie dem zunehmend leichteren Zugang durch verbesserte Transportwege. Betrug der Anteil Inlandtabak in der gesamten Tabakproduktion 1888 noch fast 30 % (1506,6 t), so waren es 1899 nur noch rund 10 % (734 t). Die hohe Verwendung ausländischer Tabake von bis zu 96 % brachte den Anbau, der 1910 noch 489 ha umfasste, in verschiedenen Regionen beinahe zum Erliegen.28

Die beiden Weltkriege als Wendepunkte

Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die damit einhergehenden Lieferengpässe an ausländischen Tabaken werteten den Anbau einheimischer Tabake wieder auf. Die Anbaufläche erreichte 1917 wieder einen Stand von 224 ha.29 Am 16. Februar 1917 verfügte der Bundesrat, dass die Anbaufläche für Tabak trotz positiver Entwicklung diejenige des Jahres 1916 nicht überschreiten dürfe, da jede entbehrliche Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt werden musste.

Erst eine 1921 und 1924 erfolgte erneute Erhöhung der Tabakeinfuhrzölle liess den Tabakanbau wieder von 254 ha auf 784 ha zu Beginn des Zweiten Weltkriegs anwachsen.30 Während des Zweiten Weltkriegs verdoppelte sich die Anbaufläche bis 1946 auf 1451 ha. So entstanden neue Anbaugebiete im Rhonetal, in der Gegend von Cortaillod, im bernischen Aaretal zwischen Büren und Wangen, in der Ajoie, in der Umgebung von Landquart und Ems, im Thurtal zwischen Weinfelden und Flaach und in der Magadinoebene.31

Konsolidierung zur Premium-Nische ab 1960

Nach der Höchstfläche von 1100 ha um 1960 wandelte sich der Schweizer Tabakanbau in eine spezialisierte, hochwertige Branche. Wo früher viele Kleinstparzellen nebeneinander bestanden, konzentrierte sich der Anbau auf jene Familienbetriebe, die mit modernen Methoden, sortenreinem Saatgut und Generationenwissen die höchste Qualität liefern. Heute bewirtschaften rund 140 Pflanzerfamilien etwa 470 Hektaren und ernten jährlich rund 700 Tonnen Tabak in einer Qualität, die international Spitzenpreise erzielt.32

Wirtschaftlich steht der Schweizer Tabakanbau auf einem stabilen Fundament. Der 1971 etablierte Tabakfonds SOTA, gespeist aus einer Abgabe der Tabakindustrie, garantiert den Pflanzern faire, kostendeckende Abnahmepreise und finanziert Forschung, Sortenentwicklung sowie Investitionen in moderne Trocknungsanlagen.33 Ergänzt durch Direktzahlungen des Bundes und langfristige Lieferverträge mit der inländischen Industrie ist Tabak heute eine der verlässlichsten Spezialkulturen der Schweizer Landwirtschaft - mit überdurchschnittlichen Hektarerträgen für die Bauernfamilien.34

Aus der Breite wurde Tiefe. Was als Massenanbau begann, ist heute eine geschützte Premium-Nische: garantierte Preise, gesicherte Abnahme, hochspezialisierte Familienbetriebe und ein Tabak, dessen Charakter weltweit Anerkennung findet. Jedes Blatt steht für eine starke, lebendige Schweizer Tradition.

Fussnoten

  1. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 15; Gertsch, Rückblick, S. 11-16, 23; Milliet, Beschaffung, S. 383-388.
  2. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 16.
  3. Vgl. Gertsch, Rückblick, S. 22-23.
  4. Vgl. Kölner, Basel, S. 257-259; Milliet, Beschaffung, S. 383-385; Hartwich, Genussmittel, S. 71-72; Pezolt, Tabak, S. 135.
  5. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 3.
  6. Vgl. Kölner, Basel, S. 262; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 3; Milliet, Beschaffung.
  7. Vgl. Kölner, Basel, S. 262, 264-274.
  8. Vgl. Pezolt, Tabak, S. 131.
  9. Vgl. Kradolfer, S. 3-4; Milliet, Beschaffung, S. 386-389; Haas, Tabakindustrie, S. 17-18; Pezolt, Tabak, S. 131-132.
  10. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4.
  11. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4; Haas, Tabakindustrie, S. 63.
  12. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 64.
  13. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 59; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4.
  14. Haas hält fest, dass nicht bekannt ist, wann und wie die Tabakpflanze ins Tessin gelangt ist. Er spricht sich klar gegen die Auffassung von H. R. Schinz aus, der angibt, dass der Tabak anfangs des 17. Jahrhunderts durch italienische Mönche in Tessiner Klöster gelangt sei. Haas, Tabakindustrie, S. 59.
  15. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 65-70.
  16. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 62-63; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4.
  17. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 62; Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 4-5.
  18. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 152; Pignat, Tabac, S. 37.
  19. Vgl. Kradolfer, Tabakgewerbe, S. 153.
  20. Vgl. Haas, Tabakindustrie, S. 67-69; Pignat, Tabac, S. 37.
  21. Vgl. Zeller, Tabakindustrie, S. 1-2; Pignat, Tabac, S. 36-37.
  22. Vgl. SwissTabac (Branchenverband), Jahresbericht; Bundesamt für Landwirtschaft, Statistik Spezialkulturen.
  23. Vgl. Verordnung über die Finanzierung der inländischen Tabakproduktion (SR 641.311); SOTA - Fonds zur Finanzierung der Inlandtabakproduktion.
  24. Vgl. Bundesamt für Landwirtschaft, Direktzahlungen; SwissTabac, Branchenvereinbarung mit der Schweizer Tabakindustrie.